Wer in einer Kommune, einem Naturpark oder einem Tourismusverband einen Wanderweg neu konzipiert oder einen bestehenden aufwerten möchte, stößt schnell auf zwei prominente Zertifikate: den „Premiumwanderweg" des Deutschen Wanderinstituts und den „Qualitätsweg Wanderbares Deutschland" des Deutschen Wanderverbands. Beide Siegel signalisieren Wanderqualität – aber sie folgen unterschiedlichen Philosophien, Methoden und Vergabeprozessen. Dieser Beitrag stellt die beiden Systeme gegenüber, zeigt wo sie sich unterscheiden, und beleuchtet anschließend, wie sich die Erfassung und laufende Kontrolle mit QGIS und QField effizient und einreichungsreif organisieren lassen.

🏞️Die beiden Zertifizierungs­systeme im Überblick

Beide Organisationen verfolgen das gleiche Ziel – einen klar definierten Qualitätsstandard für ausgewiesene Wanderwege –, gehen jedoch methodisch unterschiedlich vor.

Premiumwanderweg

Deutsches Wanderinstitut e.V.

Sitz: Marburg · seit 2002
  • Erlebnis- und naturorientierter Ansatz
  • Methode „Erlebnis-Erfassung Wandern" (EEW)
  • Bewertung in Erlebnispunkten pro 200-Meter-Abschnitt
  • Erfasst vom geschulten Fachgutachter vor Ort
  • Rezertifizierung alle 3 Jahre
Qualitätsweg

Deutscher Wanderverband (DWV)

Sitz: Kassel · seit 2004
  • Ganzheitlicher Qualitätsansatz
  • 23 Kriterien (9 Kern- + 14 Wahlkriterien)
  • Bewertung über erfüllte Kriterien (Mindestquote)
  • Erfasst vom zertifizierten Wegekontrolleur
  • Rezertifizierung alle 3 Jahre

🌲Premiumwanderweg – Deutsches Wanderinstitut

Das Deutsche Wanderinstitut in Marburg wurde maßgeblich von Prof. Dr. Rainer Brämer geprägt. Sein methodischer Kern ist die Erlebnis-Erfassung Wandern (EEW): eine standardisierte Bewertungsmethode, die jeden Wanderweg in 200-Meter-Abschnitte – sogenannte „Erlebnisboxen" – zerlegt und jede einzelne Box detailliert bewertet.

Pro Box vergibt der Gutachter Punkte für rund 34 Kriterien aus den Bereichen Natur, Kultur, Erlebnis und Wandertechnik: Naturbelag, abwechslungsreiche Vegetation, Aussichten, Wasserläufe, Felsen, kulturelle Sehenswürdigkeiten, aber auch negative Faktoren wie Asphaltanteile, Straßenbegleitung oder Lärm. Aus der Summe der Erlebnispunkte und der Wegcharakteristik ergibt sich am Ende ein Gesamtwert, der über die Vergabe entscheidet.

Der Anspruch ist hoch: Premiumwege müssen einen Mindestanteil an Naturwegen aufweisen, dürfen nicht zu lange entlang von Straßen verlaufen und müssen über die gesamte Strecke ein verlässliches Erlebnisniveau halten. Es gibt verschiedene Varianten – etwa den klassischen Premiumweg, den Premium-Spazierwanderweg für kürzere Strecken sowie thematische Untertypen.

Charakteristikum

Premiumwanderwege legen den Fokus auf das Wandererlebnis am Weg selbst. Bewertet wird, was Wanderinnen und Wanderer auf der Strecke tatsächlich erleben – Schritt für Schritt, Box für Box.

🏘️Qualitätsweg Wanderbares Deutschland – Deutscher Wanderverband

Der Deutsche Wanderverband (DWV) mit Sitz in Kassel ist der Dachverband der deutschen Wandervereine. Sein Zertifizierungssystem „Wanderbares Deutschland" existiert seit 2004 und verfolgt einen ganzheitlicheren Ansatz: Es bewertet nicht nur den Weg selbst, sondern auch sein Umfeld – Infrastruktur, Markierung, Anbindung an öffentlichen Verkehr und touristische Begleitangebote.

Grundlage sind insgesamt 23 Kriterien, die in zwei Gruppen aufgeteilt sind:

Die Erfassung übernimmt ein vom DWV ausgebildeter und zertifizierter Wegekontrolleur, der den Weg vollständig abgeht und jedes Kriterium dokumentiert. Es gibt Varianten für längere Mehrtagestouren („Qualitätsweg Wanderbares Deutschland") und kürzere Strecken („Qualitätsweg traumtour" bzw. „Qualitätsweg Komfortwandern").

Charakteristikum

Qualitätswege betrachten die Gesamtsituation aus Weg, Markierung, Umfeld und touristischen Rahmenbedingungen. Bewertet wird sowohl die Strecke als auch ihr Umfeld und ihre Erreichbarkeit.

⚖️Premium- vs. Qualitätsweg im direkten Vergleich

Merkmal Premiumwanderweg Qualitätsweg Wanderbares Deutschland
Vergebende OrganisationDeutsches Wanderinstitut e.V., MarburgDeutscher Wanderverband (DWV), Kassel
Methodischer AnsatzErlebnis-Erfassung in 200-m-AbschnittenKriterienkatalog mit Kern- und Wahlkriterien
BewertungseinheitErlebnispunkte pro „Erlebnisbox"Erfüllung definierter Kriterien
SchwerpunktWeg und NaturerlebnisWeg, Markierung & Gesamtumfeld
Erfassung durchGeschulte Fachgutachter:inZertifizierte:r Wegekontrolleur:in
Vor-Ort-BegehungVollständig, mit detaillierter PunktevergabeVollständig, mit Kriterien-Checkliste
Mindestanteil NaturwegDefinierter hoher Anteil erforderlichKern­kriterium, Mindestanteil festgelegt
StreckenlängenPremiumweg (lang), Premium-Spazierweg (kurz)Wanderbares Deutschland, Komfort­wandern, traumtour
Gültigkeit3 Jahre, dann Rezertifizierung3 Jahre, dann Rezertifizierung
Eignung für RegionNaturnahe, abwechslungsreiche LandschaftStrukturschwache wie touristische Regionen

Welches System sich besser eignet, hängt vom konkreten Weg und der Strategie der Kommune ab. Premiumwege setzen den Maßstab vor allem dort, wo eine naturnahe, abwechslungsreiche Strecke das Hauptargument ist. Qualitätswege sind oft die richtige Wahl, wenn Markierung, Infrastruktur und Anbindung gleichermaßen mitgedacht werden sollen – etwa in Tourismusregionen mit klarem Servicegedanken. Beide Siegel sind etabliert und werden von Wandernden gleichermaßen geschätzt.

📍QGIS & QField in der Praxis – die Erfassung effizient gestalten

Egal welches Zertifikat angestrebt wird: Die Datengrundlage ist in beiden Fällen umfangreich. Wege werden begangen, Kriterien geprüft, Fotos angefertigt, Markierungspunkte erfasst – und am Ende muss alles in einer einreichungsfähigen Form vorliegen. Genau hier spielt eine durchdachte GIS-Lösung ihre Stärken aus.

Mit einem speziell konfigurierten QGIS-Projekt und QField auf dem Tablet wird aus der Begehung kein Notizzettel-Chaos, sondern ein strukturierter, reproduzierbarer Erfassungsprozess. Drei Bausteine sind dabei zentral.

Linienerfassung mit segmentweisen Bewertungen

Der Weg selbst wird als Linienlayer erfasst – entweder einmalig durch GPS-Tracking während der Begehung oder durch Übernahme einer bestehenden Geometrie aus OpenStreetMap, dem amtlichen Wegekataster oder einer GPX-Datei. Anschließend lässt sich diese Linie in QGIS in regelmäßige Abschnitte zerlegen (für die EEW-Methode in 200-m-Boxen, für DWV-Kriterien meist in größere Wegabschnitte oder die gesamte Wegstrecke).

Jeder Abschnitt erhält ein eigenes Erfassungsformular, in dem die jeweiligen Bewertungspunkte oder Kriterien direkt ausgefüllt werden – mit Auswahllisten, Pflichtfeldern und Fotodokumentation.

Punktuelle Erfassung von Markierungen und Besonderheiten

Markierungspunkte, Beschilderungen, Hindernisse, Aussichtspunkte und Sehenswürdigkeiten werden als Punktlayer erfasst – jeweils mit Foto, Zustandsbewertung und Datum. Beim Qualitätsweg ist das besonders wichtig, da die Markierungsdichte ein zentrales Kernkriterium ist.

Vorschlag für einen QField-Erfassungsworkflow
  1. Wegtrasse vorbereiten – Linie in QGIS als 200-m- oder kriterienbezogene Abschnitte segmentieren, GeoPackage anlegen.
  2. Erfassungsformulare aufbauen – Bewertungspunkte oder Kriterien als Auswahllisten und Pflichtfelder. Fotos als Attachment-Feld.
  3. QField-Projekt auf das Tablet übertragen – Hintergrundkarte (Topographische Karte + Luftbild) als Offline-Layer hinterlegen.
  4. Begehung durchführen – Pro Abschnitt das Formular ausfüllen, parallel Markierungspunkte und Besonderheiten als Punkte erfassen.
  5. Auswertung in QGIS – Erfüllungsquote berechnen, Karten erstellen, Berichte exportieren.
  6. Einreichung vorbereiten – Atlas-Drucklayout in QGIS erzeugt automatisch pro Wegabschnitt eine Bewertungsseite mit Karte, Fotos und Punkten.

Automatische Auswertungen aus den Daten

Sobald die Daten strukturiert vorliegen, übernimmt QGIS die Auswertung. Drei typische Berechnungen, die per Knopfdruck möglich werden:

Vom Erfassen zur Einreichung – per Atlas-Drucklayout

Beide Zertifizierungsstellen verlangen eine strukturierte Dokumentation. Mit der Atlas-Funktion von QGIS generiert das Drucklayout automatisch pro Wegabschnitt oder pro Kriterium eine Seite – mit Übersichtskarte, Detailauschnitt, Foto und Bewertung. Aus einer Begehung mit hundert Abschnitten wird so per Klick ein hundertseitiges, einheitliches PDF-Dokument für die Einreichung.

Wiederholungskontrolle vorbereitet

Spätestens nach drei Jahren steht die Rezertifizierung an. Wer bei der Erstbegehung sauber digital dokumentiert hat, hat hier einen entscheidenden Vorteil: Das gleiche QField-Formular kommt wieder zum Einsatz, alle alten Bewertungen sind sichtbar, und die Mitarbeiterin im Gelände sieht direkt, was sich gegenüber der letzten Erfassung geändert hat. Aus aufwändiger Komplett-Neuerfassung wird eine zielgerichtete Differenzkontrolle.

Fazit

Premium- und Qualitätswanderweg sind keine konkurrierenden, sondern komplementäre Systeme. Welches Zertifikat in Frage kommt, hängt von Strecke, Region und strategischem Ziel ab. Wer die Erfassung von Anfang an mit QGIS und QField strukturiert, spart sich nicht nur bei der Erstzertifizierung erheblich Aufwand – sondern legt auch die Grundlage für eine systematische Wegepflege, Beschilderungskontrolle und reibungslose Rezertifizierung. Die Investition in eine saubere GIS-Infrastruktur amortisiert sich spätestens beim zweiten Begehungszyklus deutlich.

Wanderweg-Zertifizierung mit GIS-Unterstützung?

Ich richte für Sie ein passendes QGIS-/QField-Projekt ein – mit segmentierter Wegtrasse, einreichungsfähigen Erfassungsformularen, automatischen Auswertungen und Atlas-Drucklayout. Auf Wunsch inklusive Schulung Ihrer Wegekontrolleur:innen.

Wanderweg-Projekt besprechen
MB
Über den Autor
Martin Bley
Diplomgeograph · MKH GIS-Beratung · Beratung zu Wanderweg-Erfassung und -Zertifizierung mit QGIS und QField
Mehr über mich →

Quellen & weiterführende Links

  1. Deutsches Wanderinstitut e.V. – Premiumwanderwege
  2. Deutscher Wanderverband – Qualitätswege Wanderbares Deutschland
  3. Wanderbares Deutschland – Wege-Portal
  4. Eigene Praxis aus Kommunal- und Verbandsprojekten

Hinweis: Die genannten Kriterienzahlen entsprechen dem öffentlich kommunizierten Stand der jeweiligen Organisationen. Für die verbindliche Vergabe gelten ausschließlich die aktuellen Richtlinien der zertifizierenden Stellen.